© photocaseaidipfbc2

©

Aufbruch in der Krise?

(Prekär) Erwerbstätige Frauen in Pflege, Betreuung, Bildung, sozialen Dienstleistungen – Erfahrungen, Herausforderungen, Strategien



20.11.2009, 14.30 Uhr – 22.00 Uhr,  Pfarrzentrum St. Martin, Marienplatz 2, 2130 Mistelbach

Veranstalter/innen: Katholisches Bildungswerk Wien, Katholisches Bildungswerk Mistelbach, Katholische Frauenbewegung Wien, Arbeiterkammer Niederösterreich, ÖGB Niederösterreich

Ob Pflege, Sozialarbeit, Erwachsenenbildung oder Betreuungsdienste:  unter dem Druck, einzusparen, werden weite Bereiche im sogenannten 3. Sektor unserer Wirtschaft, dem non-profit-Sektor, zunehmend „ökonomisiert“.

Das trifft die dort Erwerbstätigen – überwiegend Frauen – in Form von wachsendem Arbeitsdruck und niedrigen oder sinkenden Einkünften, oft so weit reichend, daß von einer „Prekarisierung“ der Arbeit gesprochen werden muß: das bezahlte Geld reicht kaum oder nicht, die Existenz der/s Erwerbstätigen zu sichern.  Ungeschützte „Schwarzarbeit“ bzw. „graue Arbeitsverhältnisse“ gedeihen.

Auswirkungen hat die Ökonomisierung der betreffenden Dienstleistungsbereiche aber auch auf die „Kunden“ und „Kundinnen“: pflegebedürftige, arbeitslose, behinderte, alte Menschen und Kinder spüren den zunehmenden Druck derer, die Dienst an ihnen tun, erleben an sich, wie Leistungen unzureichend oder gar gekürzt werden, wie Teilhabechancen schwinden.

In Zeiten von Finanz- und Wirtschaftskrise gerät diese Entwicklung aus dem Blick von Öffentlichkeit und Politik. Aufmerksamkeit und immense Geldsummen gibt es für Banken und Industrie, nicht aber für jene Dienstleistungsbereiche, in denen es um die grundsätzliche „Sorge um den Menschen“, um seine Grundversorgung geht. Investitionen in die Sicherstellung eines menschenwürdigen Lebens aller würden sich aber nicht nur aus sich selbst heraus rechtfertigen, sondern in Zeiten der Krise auch dringend benötigte Arbeitsplätze schaffen.

Bei dieser Veranstaltung sollen die aktuellen Bedingungen für die diversen Bereiche der  „Sorge- und Bildungsarbeit“ diskutiert und vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise kritisch reflektiert werden. Eingeladen sind insbesondere Personen, die in diesen Bereichen tätig sind, Personen,  die Leistungen aus diesen Bereichen beziehen, Angehörige von „Kund/innen“, die damit in Berührung kommen  sowie  alle am Thema Interessierten. Im Mittelpunkt der Veranstaltung steht  der persönliche Erfahrungsaustausch, die Entwicklung von Perspektiven und die Erarbeitung konkreter Strategien.

Programm

14.30 Uhr  Eröffnung  

14.45 Uhr  Referate und Diskussion

Irmgard Schmidleithner (ehemalige Bundesfrauenvorsitzende und Vizepräsidentin des ÖGB)
Wie alles begann. Von der Teilzeit zur Prekarisierung

Elisabeth Rolzhauser  (Leiterin des Referats Sozialkontakte, Beratungszentrum, Servicecenter des ÖGB)
Atypisch und prekär. Frauen in der Arbeitswelt heute

Luise Gubitzer (Ökonomin, Professorin am Institut für Institutionelle und Heterodoxe Ökonomie an der Wirtschaftsuniversität Wien)
Da ist Staat zu machen. Wer hat für die Sorgeökonomie zu sorgen?

Bernhard Rupp (Gesundheitsökonom, Hon.Prof. IMC Fachhochschule Krems, Abteilungsleiter Gesundheitswesen der Arbeiterkammer Niederösterreich)
Betreuung und Pflege zwischen Liebe, Gewerbe und Alternativlosigkeit

Sabine Strobl (Frauen- und Bildungssekretärin im ÖGB Niederösterreich)/i.V. präsentiert
Frauen vor Ort. Zahlen, Daten, Erfahrungen aus dem Weinviertel

17.30 Uhr – 18.00 Uhr Pause

18.00 Uhr  Kurzstatements -   Erfahrungen, Reflexionen, Schlußfolgerungen aus der Praxis

Renate Domhofer (Betriebsrätin Caritas Socialis Wien)
Heimhilfen nur noch im Viertelstundentakt? Eine Berufsgruppe im Schleudergang

Christa Weingartner (Betriebsrätin, Lebenshilfe Niederösterreich)
Wo liegt mein Wert? Die Entwicklung von  Kosten, Nutzen und Qualität der Arbeit mit Behinderten 

Ingrid Kreuzer (Kammerrätin der NÖ Arbeiterkammer, stellvertretende Vorsitzende der FCG NÖ, bis Jänner 2009 Vorsitzende des Betriebsrates des NÖ Hilfswerks)
Dreißig Jahre erlebte Entwicklung der mobilen Dienste in Niederösterreich Von der Pionierarbeit zur Professionalität – und wer bezahlt?

Betty Kopp (Dipl. Lebensberaterin, seit 1997 tätig als Trainerin/Coach für Arbeitssuchende)
Flexibel, dynamisch, damisch? Erwerbskarrieren von AMS-Trainer/innen 

Elisabeth Hammer (DSA, Mitglied des Lehr- und Forschungspersonals am FH Campus Wien/Studiengang Soziale Arbeit)
Was ist drinnen, wenn Sozialarbeit drauf steht? Ambivalenzen der Sozialen Arbeit  in Prekarisierungsprozessen 

Erfahrungsaustausch aller Anwesenden/19.00 – 20.30 Uhr , verteilt auf fünf moderierte Runden, die sich um die Frauen bilden sollen, die ein Statement aus der Praxis abgegeben haben; in den Runden sollen, folgend aus dem Erfahrungsaustausch, Forderungen an die Politik formuliert werden

19.00 Uhr   Erfahrungsaustausch von Teilnehmer/innen und Referent/innen bzw. Beitragenden in Gesprächsrunden mit dem Ziel, politische Forderungen zu entwickeln

20.30 Uhr Präsentation der Ergebnisse aus den Gesprächsrunden 

21.00  Uhr Schlußrunde

Um Anmeldung wird gebeten bei:
Mag.a Elisabeth Ohnemus, Katholisches Bildungswerk Wien,
Stephansplatz 3/2. Stock, 1010 Wien, Tel.: 01/51552-3319, e-mail: e.ohnemus@edw.or.at

Diese Veranstaltung ist gefördert aus Mitteln der Österreichischen Gesellschaft für politische Bildung

 

 

 

 

Als Ergebnis ihrer Arbeit bei der Veranstaltung haben Teilnehmer/innen und Veranstalter/innen folgende Erklärung formuliert:

Erklärung

Investitionen des Staates dürfen nicht nur Banken und Industrie zugute kommen, sie müssen gezielt auch in Bereiche der sogenannten „care-Ökonomie“ („Sorge-Ökonomie) getätigt werden, d.h. in die Bereiche Pflege, Betreuung, Bildung, soziale Dienstleistungen. Das dient der Abhilfe von Notlagen in der Grundversorgung von Menschen mit Unterstützungs- bzw. „Sorgebedarf“ (Kinder, Jugendliche, Alte, Arbeitslose, Behinderte, Kranke…) und schafft Arbeitsplätze.

Die aktuelle Finanz- und Wirtschaftskrise darf in diesem Zusammenhang als Chance begriffen werden, der „care-Krise“ wirksam entgegenzutreten.

Die Bekämpfung der „care-Krise“ setzt ein klares Bekenntnis zur Tatsache voraus, daß unsere Gesellschaft einen Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsökonomie vollzogen hat. 2007 waren 81,2 % der erwerbstätigen Frauen und 55,3 % der erwerbstätigen Männer im Dienstleistungssektor beschäftigt (Mikrozensus). Dies setzt also   auch voraus, zu erkennen und sich dazu zu bekennen, daß ein Großteil der Arbeitnehmer/innen nicht mehr mit Werkstücken, sondern mit Menschen umgeht. Das erfordert einen Paradigmenwechsel in der Ausgestaltung von Arbeit: die Produkt- und industrielle Fertigungslogik ist auf den Umgang mit Menschen nicht anwendbar. Sie wird weder den Beschäftigten gerecht noch jenen Person, an und mit denen die Beschäftigten ihre Arbeit tun.

Die politisch Verantwortlichen im Staat sind dazu aufgerufen, sich der Logik einer ausschließlich an Profitmaximierung orientierten Wirtschaft zu entziehen. Es darf dem Staat in erster Linie nicht darum gehen, in seinen Zuständigkeitsbereichen Gewinn zu erzielen bzw. zu sparen, vielmehr soll er dort  die  Würde und die Grundversorgung der Menschen sicherstellen. Wenn er so agiert, nimmt er auch den - gegenwärtig existenten - Druck der von ihm beteilten Einrichtungen und Organisationen, vor allem im non-profit-Sektor. Denn dieser Druck zwingt die Einrichtungen, nach Kriterien eines künstlich geschaffenen Wettbewerbs und einer fragwürdigen Effizienzsteigerung zu agieren.

Unter den Vorzeichen von „mehr Wirtschaftlichkeit“ und „Sparen“ ergeben sich Widersprüchlichkeiten in der Qualitäts-Debatte. Einerseits sollen etwa Qualitätsstandards in der Ausbildung von Beschäftigten in den Care-Berufen gehoben werden, andererseits untergraben Personalmangel, erhöhter Arbeitsdruck in der intra- wie extramuralen Pflege (Stichwort „Heimhilfen im 15-Minuten-Takt“)  und gesetzliche Regelungen wie das Hausbetreuungsgesetz (24-Stunden-Kräfte) die Sicherstellung von Qualität. Daher braucht es eine neue Qualitäts-Debatte im Sinne der „care-Logik“.

Das mangelhafte politische Bekenntnis zur herausragenden Bedeutung der Arbeit an und mit dem Menschen in den Bereichen Betreuung, Pflege, Bildung und soziale Dienstleistungen drückt sich unter anderem in der niedrigen Entlohnung der Beschäftigten aus. Fast alle diese Berufssparten sind überwiegend im Niedriglohnsegment angesiedelt, teilweise auch der Erosion der Arbeits- und Versicherungsschutzbestimmungen ausgesetzt:   reguläre Vollzeitbeschäftigungen werden in atypische Beschäftigungsverhältnisse umgewandelt. In der Erwachsenenbildung mehren sich die freien Dienstverhältnisse mit sinkenden Stundensätzen. In der extramuralen Pflege sind - bei rasant steigendem Arbeitsanfall - fast ausschließlich Teilzeitbeschäftigungen vergeben. Das führt dazu, daß Menschen, die mit bedürftigen Menschen arbeiten, selber zunehmend unter Druck, teilweise in prekäre Lebensverhältnisse geraten. Mehr als zwei Drittel der in den care-Berufen Beschäftigten sind Frauen. Auf ihnen lastet dieser unhaltbare, existentielle physische und psychische Druck.   Diese Situation erfordert eine neue, den tatsächlichen Anforderungen der care-Arbeit angepasste finanzielle   Bewertung und organisatorische Ausgestaltung dieser Arbeit, die jedenfalls die Existenz der Beschäftigten sichert und durch mehr fachliche Autonomie und Zeit zu physischer und psychischer Entlastung führt. Der ÖGB wird dieses Anliegen weiter verfolgen, insbesondere für die Frauenabteilung werden faire Arbeitsbewertung und Entlohnung in den betreffenden Arbeitsbereichen  auch künftig ein Schwerpunktthema sein.

  Beschäftigte in Pflege und Betreuung fallen nur in wenigen Fällen unter den Begriff der „Schwerarbeiter/innen“, psychische Belastungen werden bei der Definition des Begriffes kaum berücksichtigt. Die realen Arbeitsbedingungen in Zeiten zunehmender „Ökonomisierung“ der Arbeitsabläufe in Pflege und Betreuung, insbesondere die massiven psychischen Belastungen, erfordern ein Überdenken der gültigen Begriffsdefinition und einen weitgehenden Einbezug der in Pflege und Betreuung Beschäftigten.

Zwischen den Beschäftigten insbesondere in den Pflegeberufen und den Personen, die über Bewertung und Ausgestaltung der entsprechenden Arbeitsplätze entscheiden, klafft häufig eine große Distanz, was das Wissen um den Arbeitsalltag betrifft. Diese Wissenslücken gilt es in enger Zusammenarbeit mit  Beschäftigen und der Wissenschaft zu schließen, um eine adäquate Bewertung und Ausgestaltung zu gewährleisten.

Die   „Ökonomisierung“ im Sinne einer profitorientierten Produkt- und Fertigungslogik zieht in den Dienstleistungsberufen im care-Bereich vergleichbare Phänomene nach sich (als Beispiel für eine entsprechende Analyse s. „Wiener Erklärung zur Ökonomisierung der sozialen Arbeit“ 2007 – Internetadresse angeben).   Daher braucht es den Schulterschluß der Arbeitnehmer/innen nicht nur innerhalb der eigenen Berufssparte, sondern Sparten übergreifend (Sozialarbeiter/innen, intra- wie extramurale  Krankenpfleger/innen, Heimhilfen, Kindergärtnerinnen, Erwachsenenbildner/innen, Behindertenbetreuer/innen…), um auf einen entsprechenden Paradigmenwechsel in der Bewertung ihrer Arbeit   durch Politik und Gesellschaft hinzuwirken.

Dabei ist es sinnvoll und teilweise notwendig, neben den traditionellen Ansprechpartner/innen zur Durchsetzung politischer Interessen (Gewerkschaft, Arbeiterkammer,…) als Kommunikationspartner/innen und Bündnispartner/innen auch  zivilgesellschaftliche Kräfte zu berücksichtigen (Selbsthilfegruppen, Plattformen, Bewegungen…), die vielfach rascher und zielgerichteter   Entwicklungen in der Arbeitswelt artikulieren und auf sie reagieren.

Die Auseinandersetzung mit einer Neubewertung von Sorge-Arbeit aus Sicht der Care-Logik ist nicht nur Aufgabe von Interessensvertretungen, sondern Bestandteil eines notwendigen gesellschaftlichen Bewußtseins- und Bildungsprozesses. Um ihn zu befördern, braucht es das Engagement von Bildungseinrichtungen, konkrete Orte und Räume, wo eine entsprechende, übergreifende Bewußtseins- und Bildungsarbeit stattfinden kann.

Ein breiter öffentlicher Diskurs über Qualität, gesellschaftliche, politische und finanzielle Bewertung von Care-Arbeit ist ebenso erforderlich wie über die Verteilung und die Verwendung staatlicher Mittel, insbesondere zur Bekämpfung der Wirtschaftskrise. Ein sensibler, lebendiger Diskurs gewährleistet ein Stück demokratischer Kontrolle der politisch Verantwortlichen in Gestaltungs- und Verteilungsprozessen.  

 

Mistelbach, 20.11.2009

Katholisches Bildungswerk Wien, Katholische Frauenbewegung Wien, ÖGB Niederösterreich, AK Niederösterreich

Die Beiträge zur Veranstaltung „Aufbruch in der Krise? (Prekär) Erwerbstätige Frauen in Pflege, Betreuung, Bildung, sozialen Dienstleistungen – Erfahrungen, Herausforderungen, Strategien“ können Sie unter folgenden links finden:

Beitrag von Irmgard Schmidleithner

Beitrag von Elisabeth Hammer

Beitrag von Ingrid Kreuzer

Beitrag Christa Weingartner

Beitrag von Renate Donhofer

Beitrag von Sabine Strobl

Beitrag von Betty Kopp als pdf zum Download

Bilder zur Veranstaltung als pdf zum Download

(red)

Drucken

Fenster schließen