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14. Theologische Sommertage Groß-Enzersdorf 2010 - Kooperation statt Konkurrenz - Solidarisches Wirtschaften als Antwort auf Finanz- und Wirtschaftskrise
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Seit Herbst 2008 dominieren Finanz- und Wirtschaftskrise das politische  Geschehen auf vielerlei Ebenen.

Die Auswirkungen sind massiv, der Reformbedarf ist hoch. Dennoch scheinen sich tradierte Vorgangsweisen am Finanzmarkt wie in der Wirtschaft weitgehend fortzusetzen, werden Regulative nur sehr zögerlich diskutiert oder gar eingesetzt. Die Auseinandersetzungen um Managergehälter sind wieder in den Hintergrund gerückt, zur Debatte stehen dafür Sparpakete, um das zu finanzieren, was an Erste-Hilfe-Maßnahmen an Wirtschaft und Industrie geflossen ist.

Wie es auch anders gehen kann, bleibt aber eine höchst brisante Frage, der hauptsächlich außerhalb der etablierten Politik nachgegangen wird: in der Zivilgesellschaft, in Kirchen und teilweise in der Forschung. Nachgedacht wird dort über Regulierungen des bestehenden Systems ebenso wie über gänzlich neue Organisationssysteme von Wirtschaft und Finanzen. „Solidarisches Wirtschaften“ ist in diesem Zusammenhang ein Schlagwort, das nicht neu ist, aber unter den gegebenen Umständen wieder mehr Aufmerksamkeit auf sich zieht: Wirtschaften unter dem Vorzeichen der Kooperation statt der Konkurrenz, des Gemeinwohls statt des Eigennutzens, der Bedürfnisbefriedigung statt der Gewinnmaximierung. Eine große Bandbreite an Projekten und Initiativen findet sich unter diesem Schlagwort – Genossenschaften ebenso wie selbstverwaltete oder anderweitig demokratisch geführte Betriebe, Projekte im Bereich free software oder freier Wissensvermittlung, ethisches banking, Kostnixläden, subsistenzwirtschaftliche Initiativen oder alternative Währungen und Tauschringe. Wie sich bei näherem Hinsehen zeigt, wurzeln erstaunlich viele dieser Projekte in christlichem Gedankengut bzw. ganz konkret der katholischen Soziallehre.

Bei den 14. Theologischen Sommertage soll es darum gehen, ein anderes Wirtschaften auf der Grundlage des Prinzips der Kooperation anzuschauen und als Alternative zum herkömmlichen, krisenhaften System zu bedenken (Bernhard Mark-Ungericht: Wettbewerb oder Miteinander?), ein herausragendes Beispiel solidarischen Wirtschaftens näher kennenzulernen (Astrid Hafner: Erfolgsgeschichte Mondragon) und sich mit der katholischen Soziallehre als Ausgangspunkt dafür auseinanderzusetzen (Markus Schlagnitweit: Anders wirtschaften als Christ/in).

Montag, 30.8.2010
Bernhard Mark-Ungericht
Wirtschaftsethiker, Univ.-Prof. am Institut für internationales Management der Universität Graz
Wettbewerb oder Miteinander?
Auf welche Grundlagen stellen wir unsere Wirtschaft?

Dienstag, 31.8.2010
Astrid Hafner
Soziologin, Forschungsarbeiten zum Genossenschaftsnetzwerk Mondragon
Erfolgsgeschichte Mondragon
5 Arbeiter und 1 Priester einst, 100.000 Beschäftigte heute: ein baskisches Genossenschaftsnetzwerk zeigt, wie es anders geht

Mittwoch, 1.9.2010
Markus Schlagnitweit
Theologe und Sozialwissenschaftler, Mitarbeiter der Katholischen Sozialakademie Österreichs
Anders wirtschaften als Christ/in
Die christliche Soziallehre als Ausgangspunkt für solidarisches Wirtschaften

Vorträge mit Diskussion

Zeit: Montag, 30.8. – Mittwoch, 1.9.2010, jeweils 19.30 Uhr
Ort: Pfarrzentrum Groß-Enzersdorf, Kirchenplatz 20, 2301 Groß-Enzersdorf

Veranstalter: Katholisches Bildungswerk Groß-Enzersdorf, Katholisches Bildungswerk Wien

Bericht der Katholischen Presseagentur zu den Theologischen Sommertagen 2010

Mit "Solidarökonomie" gegen die Wirtschaftskrise

Bildungswerktagung in Groß-Enzersdorf: Ksoe-Experte Schlagnitweit sieht wachsendes Unbehagen über herkömmliche Konkurrenzwirtschaft - Grazer Wirtschaftsethiker Mark-Ungericht fordert alternative Ökonomiemodelle

Wien, 02.09.10 (KAP) Aus der globalen Wirtschaftskrise wurden bisher nicht annähernd die entsprechenden Lehren gezogen, um vom Fokus auf Einzel- und Gruppeninteressen hin zu mehr Gemeinwohlorientierung zu gelangen: Wie der Theologe und Wirtschaftswissenschafter Markus Schlagnitweit am Donnerstag im "Kathpress"-Interview unterstrich, gelte es die vielfältigen Formen einer "Solidarökonomie" zu fördern, um in Richtung mehr Gerechtigkeit gegenzusteuern. In der Zivilgesellschaft tue sich hier bereits viel, doch das zunehmende Unbehagen an einer Art des Wirtschaftens, die im Herbst 2008 in eine weltweite Sackgasse führte, habe sich noch nicht in den Führungsetagen von Großkonzernen niedergeschlagen, so Schlagnitweit.

Der langjährige Mitarbeiter der Katholischen Sozialakademie (ksoe) referierte bei den diesjährigen Theologischen Sommertagen des Katholischen Bildungswerkes der Erzdiözese Wien. Die Tagung vom 30. August bis 1. September in Groß-Enzersdorf stand unter dem Motto "Kooperation statt Konkurrenz. Solidarisches Wirtschaften als Antwort auf Finanz- und Wirtschaftskrise".

Nach den Worten Schlagnitweits wäre die katholische Soziallehre ein bestens geeigneter Ausgangspunkt für eine Korrektur bestehender Einseitigkeiten. Seien vor der politischen "Wende" des Jahres 1989 angesichts der kommunistischen Planwirtschaft noch die Soziallehre-Prinzipien Personalität und Subsidiarität zu kurz gekommen, so kämen seither tendenziell die Grundsätze Solidarität und Gemeinwohl unter die Räder. Initiativen wie Regionalwährungen und Tauschkreise, Volksküchen und Vertriebsgenossenschaften würden hier im Kleinen die richtigen Akzente setzen, konkretisierte Schlagnitweit solidarökonomische Ansätze.

Auch die Kirche könne durchaus mehr tun als sich auf moralische Appelle beschränken: Schlagnitweit wies auf den oberösterreichischen Diakon Carlo Neuhuber hin, der fast zinslose Kredite für Kleingewerbetreibende ausgehandelt habe. Lohnenswert wäre laut dem ksoe-Experten auch das Wiederbeleben des genossenschaftlichen Gedankens im Bankenwesen, das geschichtlich eng mit kirchennahen Trägern verbunden sei.

"Wir befinden uns in einer Dauerkrise"

Dass die Wirtschaftskrise nicht mit herkömmlichen Wirtschaftskonzepten überwunden werden kann, betonte auch der Wirtschaftsethiker und Ordinarius am Institut für internationales Management der Universität Graz, Prof. Bernhard Mark-Ungericht, in seinem Vortrag. Es brauche neue Alternativen von Kooperation. Denn in den vergangenen 30 Jahren habe sich die öffentliche Wahrnehmung dahingehend verschoben, als ob Wettbewerb alleiniger Zweck allen Wirtschaftens sei, kritisierte Mark-Ungericht. Trotz aller Dramatik sei es auch noch nicht zu Systemkorrekturen gekommen. Dass die nächste Wirtschaftskrise deshalb schon vorprogrammiert ist, könne man freilich auch nicht sagen, denn: "Letztlich befinden wir uns in einer Dauerkrise."

Das den kapitalistischen Theorien zugrundeliegende Menschenbild des "Homo Oeconomicus", dem es ohne Rücksicht auf andere nur um den eigenen maximalen Nutzen und Profit geht, sei grundlegend falsch, so Mark-Ungericht. Das würden auch neueste Ansätze in der neurobiologischen Forschung zeigen. Ständiger Wettbewerb und Konkurrenz mache psychisch krank. Der Mensch sei von seinem Wesen her vielmehr auf Gemeinschaft ausgerichtet.

Scharf kritisierte der Wirtschaftsethiker auch die Ausbildung der wirtschaftlichen Führungsschicht. Ethischen Fragestellungen werde in der universitären Ausbildung noch viel zu wenig Beachtung geschenkt. Mark-Ungericht verwies auf Studien, wonach am Beginn der universitären Ausbildung alle Studenten in etwa das gleiche Wertesystem hätten. Schon nach zwei Semestern würde sich dieses aber bei vielen Wirtschaftsstudenten teils drastisch verändern.

Kapitalismus am Ende

Der Grazer Wirtschaftsethiker verwies auf den US-amerikanischen Sozialwissenschaftler Immanuel Wallerstein, der ungefähr für das Jahr 2030 das Ende des kapitalistischen Wirtschaftssystems vorausgesagt habe. Mark-Ungericht: "Wachstum ist eine Grundvoraussetzung des kapitalistischen Systems. Aber irgendwann sind die objektiven Grenzen erreicht, können Natur und Menschen nicht mehr ausgebeutet werden." Wallerstein habe im übrigen auch schon in den 1970er Jahren das Ende des Ostblocks in rund 20 Jahren vorausgesagt; wobei er das kommunistische Wirtschaftssystem allerdings als schwächste Stelle des kapitalistischen Weltsystems verstanden hätte.

Es brauche endlich ein neues gesellschaftliches Bewusstsein, so Mark-Ungericht, "dass es so nicht weitergehen kann". Die Entwicklung wirtschaftlicher Alternativen seien das Gebot der Stunde. Modelle solidarischen Wirtschaftens seien notwendig, "möglicherweise auch lokale Währungssysteme oder Modelle von Selbstversorgung mit Lebensmittel". Es gehe dabei nicht so sehr um Verzicht, sondern um die Etablierung eines neuen alternativen Lebensstils, erläuterte der Wirtschaftsethiker. Die Zivilgesellschaft und gerade auch die Kirchen könnten hier wertvolle Impulse geben.

Astrid Hafner, Soziologin und Lateinamerika-Expertin, berichtete im Rahmen der Tagung über die Erfolgsgeschichte des baskischen Genossenschaftsnetzwerkes Mondragon, das einst von fünf Arbeitern und einem Priester initiiert wurde und heute 100.000 Beschäftigte zählt.

O-Töne des Gesprächs mit Mark-Ungericht sind unter www.katholisch.at/o-toene abrufbar.

(ende) gpu/pwu/

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Einen Radiobericht zur Veranstaltung finden Sie hier

Praxis Ö1 - Mitschnitt der Sendung vom 10.9.2010:

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