6. Dezember

© Elisabeth Schöffl-Pöll

Das Nikolohäuschen

Niemand auf der Welt kann ein solch schönes Nikolohäuschen bauen wie einst mein Vater dies jährlich am Nikolotag herbei zauberte! Viele haben probiert, es nachzumachen, auch ich, alles sind wir kläglich gescheitert. Es war jedes Jahr am Nikolausabend das Gleiche. Es klopfte an die Türe, wir Kinder waren aufgeregt und ängstlich, waren es etwa Dorfkrampusse, die recht kräftig mit den Ruten zuschlagen konnten? Wir rissen die Türe auf – und auf den Stufen stand das mit vier brennenden Kerzen bestückte Nikolohäuschen! Als Kleinkind und auch später noch dachte ich natürlich, der  Nikolo  hätte es gebracht, dementsprechend hing der Zauber über diesem Kleinod!

Erst später erfuhr ich, dass mein Vater in unendlich vielen Stunden dieses Häuschen für mich gebaut und alljährlich geschmückt hatte. Der Vater, der aus dem Waldviertler Döllersheimer Ländchen mit seiner Familie aussiedeln musste und der mich so sehr geliebt hatte! Für mich hatte er sich viel Zeit genommen, die er für meine drei älteren Geschwister aus genannten schicksalshaften Gründen nicht hatte. Das Nikolohaus bestand aus 12 Gestängen, die allesamt mit eingefranztem roten Krepppaier beklebt waren. Vier dieser kurzen Stangen hatte er als Grund mit Äpfeln zusammengesteckt, in der Länge wiederum vier auf dieselben Äpfel angebracht. Als Dach wurden die Stangen mit einem weiteren Apfel zusammen gehalten. Auf allen vier Seiten waren Nikolsäckchen mit Süßigkeiten angebracht, die verlockend baumelten.

Für mich damals, ich war 1944 in den Krieg hinein in den Bauernort Stoitzendorf im Weinviertel hineingeboren, himmlische Köstlichkeiten, obwohl bescheidener Natur. Niemand konnte solche Palmbuschen binden und solche Nikolohäuschen bauen wie mein Vater Johann, der leider bereits gestorben war, als ich noch in der Pubertät war.

(Elisabeth Schöffl-Pöll, Hollabrunn-Wien)

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