bildungsMOMENTE: Inzersdorf - St. Nikolaus

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Jüdisches Leben in Liesing

Gerald Netzl trägt über unsere Geschichte vor – über jüdisches Leben in unserem Bezirk und die NS-Verfolgung. Eine Veranstaltung des KBW Inzersdorf - St.Nikolaus.

Vielleicht haben Sie diese Namen schon einmal gelesen: Richard Raab, Alice Löwy, Ernst und Klara Kronberger, Apollonia und Florian Binder, Ernst Buchbinder, Alfred Goldhammer, Max, Linda, Käthe und Gertrude Gruner.

Um auf diese Inzersdorfer:innen aufmerksam zu werden, müssen Sie Ihren Blick auf die Gedenksteine, die vor ihren ehemaligen Wohnhäusern im Gehsteig eingelassen sind, senken. Sie gehören zu jenen Österreicher:innen, die von den Nationalsozialisten verfolgt, verschleppt und ermordet wurden – weil sie jüdischen Glaubens und/oder jüdischer Herkunft waren, wegen ihres politischen Widerstands oder aufgrund ihrer psychischen Beeinträchtigungen.

Am 9. November 2013 wurden die ersten vier dieser „Steine der Erinnerung“ im 23. Bezirk eingeweiht. Das war aufgrund von Vorarbeiten im Bezirk wohnenden Personen möglich. Die Herausforder ung ist, die richtige Wohnadresse im Gebiet des heutigen 23. Bezirks zu finden, denn nicht von allen Personen sind die Daten vorhanden. Im Frühjahr 2026 hält man bei 78 Steinen der Erinnerung sowie fünf Erinnerungs tafeln, die an 275 vom NS-Regime ermordete Menschen erinnern (135 Namen auf Steinen, 140 Namen auf der Tafel für die Opfer der Euthanasie).

© G.Netzl

Geschichte unserer jüdischen Gemeinde

Inzersdorf war lange Zeit ein kleines, landwirtschaftlich geprägtes Dorf. Im Gegensatz dazu war Perchtoldsdorf eine Kleinstadt mit Marktrecht. Hier war schon ab 1323 jüdisches Leben nachweisbar, das sich Ende des Jahrhunderts zu einer der bedeutendsten jüdischen Gemeinden in Niederösterreich entwickelte. Durch Vertreibung und Ermordung wurde diese Gemeinde 1421 vernichtet – eines mehrerer Verbrechen gegen österreichische Jüdinnen im Mittelalter und der Neuzeit. Die Blütezeit jüdischen Lebens in der Region war um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Die Teilhaber von Jüdinnen prägten die kulturelle Landschaft der gesamten Wiener Moderne entscheidend. Religiöses und organisatorisches Zentrum für Jüdinnen in der Gegend war vor allem Bethausvereinigungen bzw. später der Tempel in der Dirmhirngasse (Atzgersdorf). Im Jahr 1934 zählte die IKG Mödling im Ort Inzersdorf 81 Mitglieder jüdischen Glaubens. Die Geschichte endet(e) nicht 1945. Heute gibt es eine reiche Gedenkkultur – etwa die „Steine der Erinnerung“. So war z. B. der auf unserem Friedhof beerdigte Herbert Exenberger bis 2003 Bibliothekar des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes (DÖW).

Außerdem findet jedes Jahr rund um den 9. November ein Gedenken an die jüdischen Opfer im Bezirk statt: vor der Dirmhirngasse 112, wo die Synagoge stand.

Gerald Netzl

cu/cu

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