© Franz Vock

Schöpfungsverantwortung braucht Menschenwürde

Am 21. November gibt es ab 18 Uhr eine "Nachlese" mit Bildern und Gesprächen zur österreichischen-slowakischen Sommerwoche 2022, sowie einen Ausblick auf die Sommerwoche 2023 in Cicmany (SK).

Termin: Montag 21. November 2022, 18:00 Uhr

Ort: Seminarraum, Stephansplatz 3/2. Stock, 1010 Wien

© Franz Vock

Schöpfungsverantwortung braucht Menschenwürde

Das war die 31. Slowakisch-Österreichischen Seminar- und Kulturwoche über nachhaltig und gerecht leben

„Wenn ich Schöpfungsverantwortung umfassend sehe, dann gehört für mich die Menschenwürde dazu“, sagte eine Teilnehmerin am Eröffnungsabend der 31. Slowakisch-Österreichischen Seminar- und Kulturwoche zum Thema „Wie nachhaltig und gerecht leben?“ in Badin bei Banska Bystrica, Mittelslowakei, vom 24.-30. Juli 2022, wozu die Katholische Aktion der ED Wien, das Katholische Bildungswerk Wien und das Institut Svätého Frantiska Salezského pre vychovu a vzdelávanie, Slowakei, eingeladen hatte.

Auf die innere Stimme hören

„Die Menschenwürde bedeutet: Der Wert aller Menschen ist gleich und alle Menschen haben bestimmte Rechte, die ihnen niemand wegnehmen kann und darf. Dies gilt unabhängig von der Herkunft eines Menschen, unabhängig vom Geschlecht, Alter, Religion, Sprache, sozialer Stellung, sexueller Orientierung, Staatsbürgerschaft, politischen und sonstigen Anschauungen“, legte der Theologe und Mitarbeiter des Katholischen Bildungswerks der Erzdiözese Wien Manfred Zeller bei der Vorstellung des Projektes „Experiment Zukunft“ dar. Zur Zukunft und Menschenwürde gehören Fragen von Demokratie, Mitbestimmung, Transparenz, Solidarität, Gerechtigkeit und die ökologische Nachhaltigkeit, wofür die Katholische Soziallehre als „Kern der Menschenwürde“ und die Gemeinwohlökonomie eine Grundlage bilden, bekräftigte Zeller.

Mit „Fragen zur Selbstreflexion“ lud Zeller zur Meditation in mehreren Handlungsbereichen ein wie: Ich als Mensch und meine Haltung? Ich als Teil von Gemeinde, Region, Gesellschaft, Staat? Ich als Nachbar*in, Freund*in, am Arbeitsplatz, am Ausbildungsort, in meiner Social Media-Community? Ich als Teil einer familiären Lebensgemeinschaft. Ich als Konsument*in. Ich und das Geld. Zur Frage „Wie achte ich die Menschenwürde von Diktatoren?“ regte er eine Differenzierung in „Ich mag dich, schätze dich, doch das was du tust, kann ich nicht gut heissen“, aber auch ein „auf die innere Stimme hören, dann geht vieles wirklich gut“ an. Beim abschließenden persönlichen Menschenwürde Selbst-Check konnte jede*r sein eigenes Verhalten für sich auch noch konkret bewerten.

Demokratisches Leben soll DNA der Kirche werden

Mit dem Synodalen Weg will Papst Franziskus ein „miteinander gemeinsam unterwegs sein, wo alle mitgehen“, führte Zeller näher aus. Dabei geht es besonders um „die Form, den Stil und die Struktur der Kirche“. Zur Form gehöre „Vielfalt, Pluralität, niemand darf ausgeschlossen sein“. Der Stil ergebe sich durch Teilhabe, Partizipation und Kommunikation, denn „zuhören ist keine Einbahnstrasse“. Die Struktur kann darin bestehen: „Ich sag das, was ich verstanden habe. Der andere hat die Chance zu sagen, was er verstanden hat. Erst dann darf ich mein Argument bringen“, bekräftigte Zeller.

Es gehe um ein „Miteinander im Gespräch sein, miteinander Entscheidungen treffen, wo viele mitgehen“, aber auch um ein „Verantwortung dahin abgeben, wo das Problem liegt, in der Familie, Pfarre, … Demokratisches Leben soll die DNA der Kirche werden. Synodalität ist nicht Demokratie im Sinne von Mehrheitsentscheidungen, wo Minderheiten untergehen“, so Zeller. Es gebe aber „drei große Risiken“, den Formalismus, „der Priester ist der Herr im Haus“, den Intellektualismus, „es geht nur um Oberflächlichkeiten“, und die Immobilität, „die heutige Zeit nicht ernst nehmen. Es war immer so“. Die Chancen liegen in der „strukturellen Veränderung, wo alle teilhaben können, die Kirche wieder zu einer hörenden Kirche wird, die Nähe vermittelt, ein Zeichen der Wirklichkeit vor Ort“. Papst Franziskus sei überzeugt: „Die Kirche als Gesamtheit kann nicht irren“, schloss Zeller.

Zeitenwende zur ganzheitlichen Entwicklung

Papst Franziskus will mit dem päpstlichen Lehrschreiben, der Enzyklika „Laudato Sí“ einen „Dialog anstossen. Der Macht geht es immer um Gewinnmaximierung, sie gewährleistet nicht die ganzheitliche Entwicklung des Menschen“, sagte Markus Gerhartinger, der Sprecher der kirchlichen Umweltbeauftragen Österreichs und Leiter des Umweltbüros der Erzdiözese Wien, über „Kirchliche Initiativen als Anspruch und Ansporn“. Er fragte: „Welche Art von Welt wollen wir denen überlassen - den Kindern - die gerade aufwachsen. Die Welt ist ein Geschenk Gottes“. Es brauche „ökologische Umkehr, eine ökologische Erziehung und Spiritualität“, so Gerhartinger, der zum Austausch in kleinen Gruppen einlud, was eine Fülle von österreichischen und slowakischen Initiativen ans Licht brachte.

Das politische Handeln befindet sich in einer „Zeitenwende“, wie es der deutsche Bundeskanzler Olav Scholz formulierte, sagte der Politikwissenschaftler Franz Vock. Mit dem Großmachtstreben der USA, Russlands und Chinas, der schon lange währenden Umwelt- und Klimakrise, und dem Krieg in der Ukraine ist die Globalisierung an ihre Grenzen gelangt, was Corona mit der Verletzlichkeit der Lieferketten aufgezeigt hat. Als Europäer haben wir Jahrzehnte, ja Jahrhunderte auf Kosten anderer Menschen, Völker und Kontinente gelebt. Versklavung, Ausbeutung, Nationalismus und Rassismus sind damit einhergegangen. Die Diktatur des Erfolgs, des Geldes, der Finanzmärkte und des Scheins hat Konkurrenz durch die Menschenwürde, Glaubwürdigkeit und Authentizität erhalten, die immer mehr greifen. Menschen anderer Kontinente wollen ebenso ein Leben in Würde und ihren gerechten Anteil. Die Tendenz zur Regionalisierung der Werte schreitet voran. Die Menschen stehen überall vor derselben Herausforderung: Engagiere ich mich für die Menschenwürde, ein demokratisch partizipatives Miteinander oder begünstige ich autoritär totalitäres Verhalten, schloss Vock.

Beispiele

Für die Entwicklungszusammenarbeit-Organisation „Adopcia na dialku/Adoption aus der Ferne“ der Slowakischen Caritas berichtete die Elementarpädagogin Nataliá Pracková mit zwei Kolleginnen, in 8 Ländern wird durch die Zusammenarbeit mit lokalen Partnern über 7124 Kindern geholfen. Die Unterstützung reiche von Gesundheits- und Krankenpflege über Zugang zu sauberem Trinkwasser bis wenn ein Kind die Mittelschule zu Ende bringe, was schon ein „großer Erfolg“ sei. In den Ländern Uganda, Indien, Vietnam, Ukraine, Albanien, Haiti, Kuba und Honduras gebe es zum Teil mehrere lokale Zentren, mit denen den Menschen geholfen wird. Von einem Euro gehen 81 Cent in das Land und 15 Cent werden für Löhne und Gehälter verwendet, erläuterte Pracková.

Für das Gemeinwohl ist sauberes Wasser, Luft, Umwelt und ein gewisser Lebensstandard wichtig, sagte der Journalist Erik Potocný über „konservative Ökologie“. Zur Wertschätzung der Atomenergie ergänzte er, „erneuerbare Energien gibt es nicht ohne Emissionen“. Die damit einhergehende Abwertung veranlasste einen österreichischen Widerspruch und längere Diskussionen.

Bei vor Ort Besuchen wurden mehrere praktische ökologische Bemühungen sichtbar. Die 2006 von einem Baumeister initiierte und durch Spendensammlung in Schiffsform errichtete Filialkapelle in Kozelník nahe Banská Štiavnica hat aussen eine Holzfassade und innen eine bemerkenswerte Raumausnützung. In der Základná škola s materskou školou Maximiliána Hella in Štiavnické Bane wird das Fach Falknerei als Teil des regulären Lehrplans an der einzigen Grund- und Mittelschule weltweit unterrichtet. Sich freiwillig in der Ferienzeit meldende Schüler*innen zeigten bei Führungen eine Vielzahl von in- und ausländischen Greifvogelarten den zahlreichen Besucher*innen und ihre praktischen erworbenen Fähigkeiten bei Flugschauvorführungen.

Im 2014 neu gegründeten und auf einem geschenkten Feld erbauten Benediktinerkloster der Verklärung in Sampor bei Zvolen ist bei den 16 Mönchen mit einem Altersdurchschnitt von 45 Jahren Gastfreundschaft gross geschrieben. Sie leben vom Eigenanbau, einer kleinen Landwirtschaft und Spenden. Mit einer Brotbäckerei werden die die Armen des Ortes unterstützt.

Ein Kulturabend mit Texten von Phil Bosmans, der slowakisch-österreichischen Autorin Helena Opitz-Sokolova und den ukrainischen Schriftsteller*innen Taras Schewtchenko, Iwan Franko, Lina Kostenko und erhebender Musik von Schülerinnen rundete die Begegnung ab. Am Abschlussabend wurde der 70. Geburtstag von Rafael Ambros Sen., einem Gründungsmitglied der Dialogwoche gefeiert; Und die Roma Tanz- und Singgruppe Romana Jilo (Romaherz) aus Zvolen informierte und veranschaulichte die vielfältigen Wege und Früchte ihrer Integrationsarbeit.

Franz Vock

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